Collina von Alvinghof

Erzählte Pferdezuchtgeschichte aus Wesfalen

In der Februarausgabe des Jahres 1997 der Zeitschrift Reiter und Pferde in Westfalen erschien der nachfolgende Artikel, der mit freundlicher Genehmigung der Redaktion  nochmals veröffentlicht werden darf. Bitte schauen Sie sich den Artikel hier als PDF - Datei an.

Die Durchführung von Stutenleistungsprüfungen ist keine neue Errungenschaft der letzten Jahrzehnte : dies beweist die abgebildete Urkunde ( Orig. Größe ca. 30 x 50 cm), deren Reproduktion sich im Fundus des Westfälischen Pferdemuseums befindet. Im September des Jahres 1913 wurde sie an den Besitzer und Züchter der Stute „Collina von Alvinghoff“, die in der Prüfung „ Ausstellung der 3jährigen Stuten der Edelzucht“ den 5. Preis erlangen konnte, verliehen. Im ersten Band des“ Westfälischen Pferdesstammbuchs“ von 1905 sind (S. 649 ff.) die Bedingungen für damalige Leistungspfüfungen, bei denen Stute und Hengste gleichermaßen zugelassen waren, niedergelegt. Die Leistungsprüfungen fanden an jeweils 2 aufeinanderfolgenden Tagen in Warendorf statt, 8 verschiedene Prüfungen pro Tag, wobei ein Pferd an einem Tage nicht mehr als zweimal gestartet werden durfte. Die Palette der Prüfungsarten reichte von Zugleistungsprüfungen über ein- und zweispännige Fahrprüfungen bis hin zu Trab - und Galopprennprüfungen über verschieden Distanzen. Die Photografien auf der Urkunde deuten nicht nur auf die unterschiedlichen Prüfungsmöglichkeiten hin , sie vermitteln auch einen  wunderbaren Eindruck von den Warendorfer Gestütsanlagen der damaligen Zeit.

In welchen Sparten mußte Collina sich wohl noch behaupten? Darüber gibt uns diese so kunstvoll gestaltete, in der „Lithographischen Kunstanstalt G.H. Hülswitt, Münster i. Westfalen, Schillerstraße“ hergestellte Urkunde keine Auskunft. Wir können auch nicht  mehr nachvollziehen, welche Gestütsbeamten und Landbeschäler auf den Photos abgebildet sind. Und doch liegt der besondere Reiz dieses Museumsstückes nicht nur in der Dokumentation von Vergangenem, vielmehr kann es als Ausgangspunkt gelten für erzählte Pferdegeschichte aus Westfalen, die Geschichte einer Stutenfamilie nämlich, die - wie  zahlreiche andere - von den Anfängen des Westf. Pferdestammbuchs bis in die Gegenwart reicht und hoffentlich auch in Zukunft weiter  bestehen wird :
Collinas Mutter ist auf der S. 154 des 2. Bandes des Westfälischen Pferdestammbuches unter der Nr. 1494 eingetragen als Johann Westermanns   „ Meta von Bösensell, br. St.. geb. 15.04.1906, 152 cm v. Wellington aus einer Hann. St.“. Letztere war eine Tochter des Weissenburg.  Der Hannoveraner Weissenburg stammte von dem berühmten Norfolk, seine Mutter war eine Zernebog - Jellachich Stute, und mit diesen drei Hengsten führte er die Stammväter der Hannoverschen Landespferdezucht im Pedigree. Der Vater der Meta, die bei der täglichen Arbeit auf dem Hofe mit „Werra“ angesprochen wurde, war der hellbraune, 1894 in Oldenburg geborene Wellington von Orlow, der seit 1896 vom Landgestüt benutzt wurde.  Josef Westermann, der Pächter des von und zur Mühlen’schen Gutes „Alvinghoff“, das im übrigen über ein sehenswertes, von C.v. Schlaun geschaffenes Herrenhaus verfügt, kaufte Meta bei dem Pferdehändler Menk in Nottuln und führte sie 3jährig dem Ldb. Constantin zu, der über Collino, Colorist und Colorado auf den Beberbecker Optimus von Odoardo zurückging und dessen Vater Collino nach der Jahrhundertwende wegen seiner Härte zu den besten Hengsten Westfalens  zählte.
Dieser Verbindung nun entstammte besagte Stute Collina, die insgesamt 18 Fohlen das Leben schenkte. Nachdem sie ihrem Züchter  einige Fohlen geliefert hatte,  wechselte sie in den Stall dessen Nachbarn und Schwagers Theodor Gillhaus in Bösensell, wo sie 1923 ein Rapp-Stutfohlen von dem Herrscher-Sohn Heerführer brachte. Die Bedeutung des Hengstes Herrscher für die Warmblutzucht der damaligen Zeit war ungeheuer groß: der Hannoveraner Fuchshengst, der seit 1902 in den Diensten des Landgestütes stand, brachte in 26 Zuchtjahren 38 gekörte Hengste hervor, doch schon nach vier Generationen erlosch diese Hengstlinie im männlichen Stamm. Liest man in der Literatur Würdigungen dieser Hengstlinie, so wird deren Leistungsfähigkeit immer auch durch einige herausragende Leistungspferde unterstrichen, ihnen allen voran Westfalens berühmtestes Springpferd der damaligen Zeit,  „ Herrin“, zu dem sich unser Rappfohlen aus der Collina tatsächlich einmal entwickeln sollte! Der Weg dorthin führte über die Teilnahme an zahlreichen ländlichen Turnieren, auf denen der älteste Sohn des Züchters ,Alfred Gillhaus, sie von Erfolg zu Erfolg ritt. So nahm es auch nicht Wunder, daß dieses Paar für die Westfälische Mannschaft, die anläßlich eines großen Turniers in der Rheinlandhalle in Köln an einem Länderwettkampf teilnehmen sollte, nominiert wurde.In einem L-Springen dieses Turniers drängten die beiden gar den Bereiter der Turnierreiterin und Vollblutzüchterin Frau von Heynitz aus Torgau bei Graditz auf den zweiten  Platz. Ob das der entscheidende Punkt bei der Kaufentscheidung der Frau von Heynitz war, ist nicht überliefert, jedenfalls kehrte Herrin von diesem Turnier nicht mehr in ihren westfälischen Stall zurück. Über die Station Torgau gelangte Herrin nach Dänemark zu Frau Luise Hasselbach, die mit ihr auch internationale Erfolge verbuchen konnte.
Das Titelblatt der Juni-Ausgabe des Jahres 1930  von Westfalens Ross und Reiter zeigt die beiden anläßlich eines Turniers in San Remo, wo sie ein Hochweitspringen gewinnen konnten.
Collina brachte von dem Fuchshengst Hersdorf ein weiteres Stutfohlen, welches in den Geburtsstall der Mutter nach Alvinghoff zurückkehrte. Collina wurde über diesen Zweig ihrer Tochter „Hermine“ abermals Stammutter eines international berühmten Turnierpferdes,  diesmal lagen jedoch einige Generationen und somit fast zwei Jahrzehnte dazwischen. Hermine lieferte von dem Ldb. Anführer, der über Anfänger auf den Graditzer Andermatt zurückführte, die Stute „Amanda“, diese wiederum war Mutter der „Herzlose“ von Halt II,  einem von 1931 - 1950 in Deckeinsatz stehendem braunen Hengst von Helgoland (Ldb. Celle), der von Karl Geßmann, Appelhülsen, aufgezogen wurde und segensreich für die westfälische Stutengrundlage wirkte. Herzlosewurde nun dem beliebten Leistungsvererber Schwan I von dem Mecklenburger Schwank zugeführt, und das 1942 bei dem nachfolgendem Pächter auf  Alvinghoff, W.Kloth,  gefallene Hengstfohlen wurde 1944 gekört. Der Privatbeschäler Schwark, einer von leider insgesamt nur vier Schwan I - Söhnen, wurde züchterisch kaum benutzt. Eine verhängte Ausgangssperre im Jahre 1945 verhalf ihm dennoch zu Vaterfreuden. Auf dem Hofe Gillhaus befand sich zu dieser Zeit die Schimmelstute Schalmei von dem in Babolna geborenen und via Trakehnen ins Landgestüt Osnabrück gelangten Araber Shagya- XVII-12. Schalmei war zusammen mit ihren beiden , später in Westfalen gekörten Vollbrüdern Schatzherr I und Schatzherr II von dem damals sehr tätigen Beförderer der Westfälischen Warmblutzucht nach Westfalen eingeführt worden. Leider fand diese edle und beinharte Hengstlinie keinen großen Zuspruch, da der Züchterschaft ein schwereres Warmblutpferd vorschwebte. Schalmei also war rossig, und aufgrund der Ausgangssperre schien es unmöglich, die Deckstelle Roxel zu erreichen. So schlich Karl, der jüngste der Gillhaus-Söhne, mit der Schimmelstute durch den an das Gehöft grenzenden gräflichen Park Alvinghoff zu, um Schalmei und Schwark zusammen zu bringen . Resultat dieses gefährlichen Unterfangens - die Engländer hatten bereits im Herrenhaus Quartier genommen - war die Schimmelstute Sabigatha. Sabigatha erstritt unter den Gillhaus - Söhnen zahlreich Erfolge im ländlichen Bereich, während ihr Vater unter  Fritz Stecken und unter seinem Turniernamen Nobel zu einem sehr erfolgreichen Dressurpferd  heranreifte. Stecken nahm sein Erfolgspferd mit in die Vereinigten Staaten, wo er als Ausbilder tätig war.  Unsere Abbildung zeigt das erfolgreiche Paar als Titelphoto des Kataloges zur 6. Westfalen-Auktion, die am 6. April 1957 in der Halle Münsterland stattfand.
Will man den Bogen nun zur Gegenwart schlagen,  muß man  einen dritten Ast des Stammbaumes, an dessen Wurzel unsere Collina steht, weiter verfolgen, den der Stute „Immergrün“ von dem Anglo-Normannen Immoler, die noch auf Alvinghoff geboren wurde, und deren Tochter „Heiderose“ von Halt II (s.o.), die wiederum den kurzen Weg  zum Hofe Gillhaus antrat. Dort brachte sie die Staatsprämienstute „Farina“ von Feierabend, diese schenkte der „Aida“ das Leben. Sie  stammte von dem privaten Beschäler Almfürst v. Almjäger I (Celle), der von 1944 bis 1960 auf dem Hofe Geßmann, Appelhülsen deckte und eine hervorragende Nachzucht hinterließ. Karl Gillhaus nahm Aida zunächste mit nach Hattingen, wo sie in seinem Reitstall als Schulpferd Verwendung fand. Johannes Gillhaus, der nach dem Tode seines Schwagers dessen Hof in Hamm-Pelkum verwaltete, war jedoch sehr an dem Fortbestand der Stutenfamilie interessiert und holte Aida zu sich . Auf der Deckstelle Hamm - Heessen an der Westfalenkaserne  fand er in Grünspecht von Gründer einen passenden  Beschäler, und auch hier bewahrheitete sich die Erfahrung der damaligen Zeit, daß eine Kombination der A-( sprich Adeptus xx) mit der G - ( sprich Großinquisitor xx) Linie hervorragende Leistungspferde hervorbrachte. Dieser Verbindung entsprang jedenfalls die  auffällig hübsche Fuchsstute „Gladiole“, der dreijährig auf der Stutenschau in Overberge ebenfalls die Staatsprämie verliehen wurde.
Im Jahre 1963 ging der von Geßmann eingeführte Remontehengst "Hanseat" von dem in Trakehnen geborenen Celler "Hansakapitän" in Amelsbüren auf  Station. Dieser spätreife, 162 cm messende Rapphengst ohne Abzeichen konnte seine Trakehner Ahnen nicht verhehlen, führte er doch über seine Großmutter väterlicherseits das Blut des legendären Pythagoras. Nach nur zwei Deck -perioden, denen ein gekörter Sohn, zwei Staatsprämienstuten, zehn Hauptstammbuchstuten und zwei Vorbuchstuten entstammten, mußte er getötet werden. Eine der H- Stuten war die am 10.4.1964 geborene braune „Hansaflagge“ aus der Gladiole, im Typ sehr ihrem Vater ähnelnd, die Ende der 60iger Jahre von Bösensell nach Hamm fand. Hier brachte sie mehrere Hengstfohlen, u.a. den Feuerschein-Sohn Frohsinn, der über eine Eliteauktion in die Schweiz  ging. Ein Stutfohlen von Firnwind ging zurück nach Bösensell, konnte aber dort keinen neuen Zweig der Stutenfamilie begründen. Die 1974 geborene Frühling - Tochter „Frühlingsfee“ wurde zwar an eine kleine Zuchtstätte in Hamm- Wiescherhöfen verkauft, blieb dennoch in der beratenden Obhut ihres Züchters Johannes Gillhaus.
Leider war der 159 cm kleinen, wie ihre Mutter mit einer enormen Trabmechanik ausgestatteten braunen Stute kein allzu gutes Zuchtblatt beschieden. Das Erwachsenenalter erreichten nur drei ihrer Fohlen : die 1979 geb. Fuchsstute „Francis“ von Firnwind stand wie ihre Mutter Frühlingsfee dreijährig an der Spitze ihres Ringes auf der Stutenschau und erlangte später im ländlichen Bereich unzählige Erfolge in Springprüfungen bis hin zur Klasse S. Ein 1985 geborener Sohn von Fittipaldi wurde über den freien Hengstmarkt verkauft und sammelt nun im ländlichen Bereich Schleifen. 1980 wurde die braune „Gesche“ von Graf Spee geboren, die erneut an der Spitze der Dreijährigen ihrer Region stand , 4jährig sieben Materialprüfungen gewinnen und bei der Qualifikation zum Bundes - championat 1984  den 5. Platz belegen konnte. Anschließend ging sie in die Zucht, und mit dem in Kump stationierten Fittipaldi von Foxtrott stand ein Hengst zur Verfügung, der sowohl das mangelnde Stockmaß und die Oberlinie zu verbessern als auch die Fohlen erneut mit einem leicht Trakehner Überguß zu überziehen in der Lage war. Die 1986 geborene „Flagge“ - ebenfalls Stutenschau -und Materialsiegerin, war unter dem Namen Fidelity eine der Werbeträgerinnen für die 50. Eliteauktion in Münster- Handorf, drei dieser Verbindung entstammenden Söhne sorgen im ländlichen Bereich für eine kleine Züchterprämie. Den nun schon so lange gehegten Stutenstamm weiterführen sollen die 3jährige „ Ricca“ von Ribbeck und ein Fohlen vom Landbeschäler Ehrentanz.
Der Hüter und Begleiter dieser Stutenfamilie, Herr Johannes Gillhaus aus Bösensell, seit vielen Jahren wohnhaft in Hamm- Pelkum,  wird am 27. Dezember 85 Jahre alt. Ihm verdanken wir diese Überlieferungen.

Dieser Artikel, verfasst von Gudrun Isenbeck-Geue, erschien 1997 in der westfälischen Fachzeitschrift "Reiter und Pferde".